Zambia. How To Get Organized!

Mittwoch, 17. Juli
Treffen mit Techniker Marcus Diess am Bahnhof in Salzburg. Weiterfahrt mit einem Railjet der ÖBB nach München. Umsteigen in die S8 Richtung Flughafen. Ankunft um zirka 23.30 Uhr. Übernachtung auf einer Bank am Flughafen München.

Donnerstag, 18. Juli
Treffen mit Peter Kuthan am Flughafen um zirka 5.30 Uhr. Check in und Boarding um 6 Uhr. Abflug Richtung Amsterdam. Stop Over. Weiterflug nach Harare in Zimbabwe. 10 Stunden Nonstop. Kurzer Stop Over. Flug von Harare nach Lusaka in Zambia. Ankunft in Lusaka um zirka 23.00 Uhr.

Peter Mubamba vom PANOS Institute holt uns vom Flughafen ab. PANOS ist eine Non Profit, Non Governmental Organisation, welche im südlichen Afrika die Arbeit von Community Radios unterstützt, um der ländlichen Bevölkerung eine Stimme zu geben. Übernachtung im Hotel Belvedere.

Freitag, 19. Juli
Treffen mit dem Board von PANOS in Lusaka. Führung durch die umfangreichen Räumlichkeiten von PANOS. Besprechung der Projektplanung und gegenseitiges Kennenlernen. Im Anschluss machen wir uns auf den Weg von Lusaka Richtung Mazabuka im Süden. Nervious Siantombo von PANOS begleitet uns.

Peter, der uns am Tag zuvor vom Flughafen abgeholt hat, fährt unseren Land Rover. Glücklicherweise ist es dieses Mal gelungen, die Luftfracht zeitgerecht aus dem Zoll zu bekommen. Alles ist bereits am Dach unseres Fahrzeugs verladen und wird noch zusätzlich befestigt, um auf der Fahrt über Staubpisten und Schotterwege sicher zu sein.

@Panos @MazFM CEO MazFM On our Way South

ca. 16.oo Uhr
Besuch beim MazFM in Mazabuka. Besichtung der Studioräumlichkeiten. Besprechung und Informationsaustausch mit dem Geschäftsleiter von MazFM. Anschließende Besichtung des Containers, in dem sich der Sender befindet. Fazit: ziemlich wilde Signalüberschreitungen, vollkommen außerhalb jeglicher Rahmenbedingungen und Vorgaben internationaler Standards. Who cares?! MazFM eher nicht… ;-)

Interessante Randnotiz: MazFM verwendet dieselben Sendekomponenten wie das Freie Radio Salzkammergut, – Hardware aus dem Hause DB Elettronica in Padua, Italien.

ca. 17.30 Uhr
Weiterfahrt Richtung Monze. Treffen mit Elisabeth Colson, einer 93 jährigen Anthropologin aus Kalifornien, welche stets ein halbes Jahr in den Staaten wie in Afrika verbrachte, um sich vor ein paar Jahren ganz für Zambia zu entscheiden.

Gemeinsames Abendessen, Genuss der hervorragenden Küche ihrer Köchin Harriett. Es gibt Huhn, Rind und Fisch, überbacken mit Käse und allerlei Gemüse. Nach dem Abendessen trinken wir ausgewählten Whiskey und unterhalten uns über die Kultur der Tonga. Elisabeth Colson ist erstaunlich; sie reiste um die halbe Welt, hielt Vorträge, publizierte und ist trotz ihres hohen Alters eine stets hellwache Gesprächspartnerin.

Als Anthropologin beforschte sie das Volk der Tonga, welche an den Ufern nördlich und südlich des Zambesi lebte, und in den 1950er Jahren durch ein riesiges Staudammprojekt, den Karibadamm, von ihren natürlichen Lebensräumen vertrieben wurden.

Tonga Researcher Elisabeth Colson Cook Harriett Elisabeth Colsons House Peter Mubamba of PANOS in Cosons Garden

Colson ist eine beeindruckende Persönlichkeit von seltsam intensiver Ausstrahlung. Die Nacht verbringen wir in ihrem Haus, welches sich auf einer Farm in der Nähe von Monze befindet.

Samstag & Sonntag, 20. & 21. Juli
Weiterfahrt nach Sinazongwe. Auf einer Straße aus Staub und Stein. Quite a dusty Road. Ankunft in Sinazongwe nach zwei Stunden Fahrt. Besichtigung des Radios, welches sich in einem unerwartet guten Zustand befindet. Die Sendeanlage, welche im Jahr 2007 von Radioarbeiter_innen aus Linz und Salzburg errichtet wurde, ist noch in Betrieb und auf Sendung!

Besichtung des Schulgeländes. Erstes Treffen mit der Radiocrew von Zongwe FM, dem Sinazongwe Community Radio. Anschließend: Besichtigung unserer Unterkunft und Preisverhandlung mit dem Besitzer am Ufer des Lake Kariba, dem größten, von Menschenhand errichtetem, See der Welt.

Gemeinsames Essen im Garten des Gasthauses mit Godfrey Chilumbi, dem Vice Secretary of the Radio Committee, unserer Kontaktperson in Sinazongwe. Am Nachmittag: erste, genauere Analyse des Radiosenders in der Sinazongwe Primary Shool. Gemeinsamer Beschluss eines Zeitplans für die ersten Radioworkshops. Anschließende Vorbereitung von theoretischen Unterlagen über die grundsätzlichen Prinzipien von Community Radios.

Montag, 22. Juli
Start des ersten Workshops mit der Crew von Zongwe FM. Sechs Mitarbeiter_innen nehmen teil: vier junge Frauen und zwei Burschen im Alter von 18 bis 28 Jahren. Vermittlung und Besprechung der Unterlagen. Diskussion über grundsätzlichen Aufgaben eines Freien Radios.

Ausgabe von Heften zur Notiz von Informationen, Kugelschreibern mit integriertem Taschenlicht und Foldern des ZaCoMeF, des Zambian Community Media Forums. Ende der ersten drei Sessions um 16 Uhr. Erster Eindruck: Gut! Anschließend Feierabend und Sonnenuntergang bei einer Flasche Mosi Lager mit Peter Kuthan (Projektleitung) und Marcus Diess (technische Leitung) um zirka 18 Uhr.

Anastazia @Old Studio Training Shedule Linda, Pethias and Peter @Old Studio Old Studio

Dienstag, 23. Juli
Erste praktische Übungen im Rahmen der Workshops. Vermittlung von technischen Fähigkeiten zur Bedienung des digitalen Aufnahmegerätes. Gegenseitige Aufnahme von O-Tönen zur Produktion von Station Jingles für Zongwe FM 105.0

Gemeinsame Auswahl von Musikbetten für die Jingles. Produktion von vier Jingles. Erste Vermittlung von Grundkenntnissen im Umgang mit dem Audio-Schnittprogramm Audacity. Anschließendes Feierabendbier und Tagesrésumé bei Sonnenuntergang um ca. 18 Uhr.

Mittwoch, 24. Juli
Produktion von weiteren Jingles mit der Crew von Zongwe FM. Anschließende Trockenübungen mit dem digitalen Aufnahmegerät und weitere, erste Aufnahmen in einer Schulklasse mit Kindern im Alter von 8-10 Jahren. Produktion von Station ID Jingles. Weitere Vermittlung von Grundkenntnissen im Bereich Vorproduktion mit dem Audio-Schnittprogramm. Produktion von fünf weiteren Jingles. Einspeisung der Jingles in das aktuelle Programm von Zongwe FM.

Donnerstag, 25. Juli
Fertigstellung der Jingleproduktion. Ergebnis: 12 neue Jingles für Zongwe FM. Anschließende Trockenübungen mit dem digitalen Aufnahmegerät und Aufnahme einer Generalprobe für das Lwiindi Festival am Samstag: Tanz, Trommel und Gesangsperformance in einer Schulklasse von Kristin Chilumbi. Vorproduktion der Aufnahmen. Anschließendes Interview mit der Lehrerin über die Inhalte der Performance.

Field Recordings @the Engine Room Cuting Interviews Performance @Shool
Anastazia @the Engine Room Field Recordings II Field Recordings III Interview with Kristin Chilumbi

Produktion eines ersten Beitrages in der Länge von 12 Minuten, bestehend aus einem Interview in Tonga und den Aufnahmen der Generalprobe. Linda Siang`umbe, eine Teilnehmerin der Workshops sitzt zwar zum ersten Mal in ihren Leben vor einem Computer, lernt aber extrem schnell und verinnerlicht erste Schritte im Umgang mit dem Audio-Schnittprogramm. Überhaupt verfügt die Radiocrew über Potential – sowohl was die Moderation von Sendungen betrifft als auch das Lernvermögen im Umgang mit neuen technischen Geräten.

Freitag, 26. Juli
Teilnahme an der Seeprozession zur Vorbereitung des Lwiindi Festivals, einer Art Ernte-Dank Fest. Bin spät dran, weil ich auf meine Teilnehmer_innen gewartet habe, die wieder einmal um Einiges zu spät waren. Als ich beim See ankomme verlässt gerade ein Boot das Ufer, um von dort, wo der Zongwe Fluss den Zambesi Fluss trifft, wo die ursprünglichen Grabstätten der Tonga waren, Wasser zu holen. Nach dem Bau des Staudamms und dem Anstieg des Wasserpegels mussten die Tonga nicht nur ihren Lebensraum verlassen, sie mussten auch ihre spirituellen Orte aufgeben und neue Shrines an höher gelegenen Orten errichten.

Das Wasser wird also von jener Stelle am See geholt unter dem sich die alten Shrines befinden und stellt eine Verbindung zwischen den alten und den neuen Grabstätten her. Ein Zeichen für die Wandlungsfähigkeit und gleichzeitige Resilienz der Kultur der Tonga.

Vielleicht auch deshalb: Die Tonga gehören ursprünglichen zu den akephalen Gesellschaften, zu den Tribes without Rulers. T’onga bedeutet übrigens sinngemäß „ohne Oberhäupter“. Die Hierarchien, die andere Stämme durch die straffe Organisation ihrer Häuptlinge kannten, Strukturen, die auch die englischen Kolonialherren mitbrachten, wurde von den Tonga erst sehr spät übernommen.

Chief @Lakeside Budima @Chiefs Palace Bringin The Water Budima @Chiefs Palace II

Audioaufnahmen von der Prozession, Interview mit dem Chief, dem traditionellen Oberhaupt und Landbesitzer von Sinazongwe. Zusätzliche Aufnahmen mit der Minikamera von DORF TV und anschließende Rückkehr zur Schule. Niemand der Teilnehmer_innen ist hier.

Dafür gibt es ein Board Meeting. Der Vereinsvorstand des Radios kommt zusammen, um die momentane Situation zu besprechen. Dem Radio fehlt es an allen Ecken und Enden an Geld. Die Mitarbeiter bekommen nur vierzig Dollar, zirka 200 Kwacha, im Monat. Godfrey Chilumbi, unser Kontaktmann vor Ort muss sein Privatauto für Transporte verwenden, seine Frau kocht für uns, sein privater Internetzugang wird fürs Radio eingesetzt. In der Organisation fehlt es an Transparenz und an Frauen.

Ich bin mehrmals an die Situation der Freien Radios in Österreich erinnert, denen die Bundesregierung von ÖVP/FPÖ im Jahr 2000 alle Förderungen ersatzlos gestrichen hat.

Am Nachmittag dann ein Ausflug zu den Lwiindi Grounds mit Anastasia, Petias und Michelo von der Radiocrew. Interviews mit den Maisbier brauenden Frauen (von denen eine Anastasias Mutter ist) und dem Chief von Sinazongwe. Der Chief empfängt uns in seinem Palace, einem gemauerten Gebäude, welches ein wenig an eine Farm erinnert und dennoch keine Farm im Sinne weißer Großgrundbesitzer darstellt.

Pethias interviews the Chief Anastazia interviews the Beer brewing Women Linda interviews the Photographer Kelvin Dondo Field Recordings

Well done, die Radiomacher_innen haben gute Arbeit geleistet. Wir schicken einen halbstündigen Beitrag On Air! Trotz wiederholtem Warten: Ende Gut, alles Gut für diesen Tag.

Samstag, 27. Juli
Warten auf die Teilnehmer_innen. Kommen wieder einmal zu spät. Ich vertreibe mir derweil die Zeit, um Aufnahmen am Festivalgelände zu machen und mische mich unter eine Budima Tanz- und Musikgruppe. Budima, das ist ein ekstatisches Erlebnis aus Hörnern, Trommeln, Gesang und Tanz.

Eine Gruppe Menschen, die wie ein Schwarm Bienen, ohne eine bestimmte Richtung zu verfolgen, von einem Ort zum nächsten zieht. Frauen und Männer nehmen in dieser Gruppe eine gleichberechtigte Stellung ein. Obwohl alle in dieser Gruppe unterschiedliche Aufgaben übernehmen, scheint diese Hierarchie sehr niedrig und ihre Bedeutung nachgereiht zu sein.

Mittlerweile ist das Lwiindi Festival zu einer großen Gemeinde angewachsen, überall werden Schuhe, Taschen, Kleidung verkauft, bieten Menschen Essen und Trinken feil, brüllen die Lautsprecher derartig übersteuert, dass von der eigentlichen Musik nur mehr ein hysterischer Moment Lärm übrig bleibt.

Wir schließen uns der Prozession zu den Shrines an, den Grabstätten der Tonga. Zuerst besuchen wir die Shrines der Ahnen aus Sinazeze, einer Nachbargemeinde von Sinazongwe. Dann ziehen wir weiter zu den Shrines, welche dem Wasser und den Tieren gewidmet sind, einem Regenshrine, damit auch im nächsten Jahr eine gute Ernte gelingen möge. Abschließend besuchen wir die Shrines der Ahnen aus Sinazongwe, die in einer direkten Linie zum Chief, dem traditionellen Oberhaupt stehen.

@the Shrines Linda is doin Recordings The Chief entering the Shrines Andy @ Lwiindi
Chief talking about the Farming Season Lwiindi Festival Woman @Lwiindi Lwiindi Impressions

Die Shrines sind kleine Hütten, unter deren Dächern der Chief und seine Verwandten sowohl das vom See gebracht Wasser als auch das traditionelle Maisbier über die Ruhestätten der Ahnen schütten. „Das Wasser, damit es den Ahnen nicht zu heiß wird,“ hat mir Peter Kuthan erzählt. Dazwischen werden durch das gemeinsame und rhythmische Klatschen der Hände die Ahnen angerufen und Budima Gruppen ziehen mit ihren Antilopenhörnern rund um die Shrines. Alle gehen barfuss durch den Busch, auch wir.

Sonntag, 28. Juli
Peter Kuthan und unsere Freunde von BAZILWIZI, einer NGO aus Zimbabwe werden heute nach Binga weiter reisen. Binga befindet sich auf der anderen Seite des Sees, des Kariba Staudamms. Der Ort wurde errichtet nachdem der Wasserspiegel stieg und die Tonga südlich des Zambesi ihre Orte verlassen mussten. Die Tonga kamen übrigens im 15. und 16. Jahrhundert vom Malawisee hierher und hatten, geschützt von hohen Felswänden, lange Zeit ein isoliertes Leben, abseits der allgemeinen Stammesfehden, geführt.

Aufgrund der Weiterreise unserer Freunde kommt es am Vormittag zu einer offiziellen Übergabe der Luftfracht und einer kurzen Erklärung der technischen Geräte und Senderhardware durch Marcus Diess. Wir hören davon, dass die Mitarbeiter_innen des Radios seit drei Monate nicht bezahlt wurden. Ich warte wieder einmal auf ihr Erscheinen. Marcus und ich sind enttäuscht und wissen nun warum die Mitarbeiter_innen so wenig motiviert sind.

Hand Over Hand Over II Waitin for the Money Christin Chilumbi cookin for us

Am Abend besuchen wir mit Godfrey Chilumbi das Lwiindi Festival und trinken ein paar Biere. Wir sitzen auf Bierkisten unter Bäumen, in der Nähe einer improvisierten Disco und werden ständig in Gespräche verwickelt – mitunter philosophische, religiöse Gespräche über das Christentum, die Welt, das Leben in Zambia. Viele glauben, wir wären aus Südafrika. Als wir in unserer Lake View Lodge abgeliefert werden sind wir einigermaßen betrunken.

Montag, 29. Juli
Andy Kampale, der Assistent von Marcus, und Linda Siang`umbe sind bereits anwesend als wir das Schulgelände erreichen. Wir sprechen über Recherche und Kreativität. Gemeinsam bereiten wir ein paar Fragen für ein Interview mit dem Schuldirektor vor.  Das Interview findet im Büro des Direktors statt und wird im Anschluss gemeinsam für die Ausstrahlung aufbereitet. Linda macht sehr viel bereits allein und versteht das Audio-Schnitt Programm allmählich.

Am Nachmittag kommt auch Beenzu hinzu und wir bereiten ein Interview mit Godfrey Chilumbi vor. Er ist Vice Secretary of the Board of the Radio Commitee. Noch einmal komme ich auf die Bedeutung von Recherche und präziser Information zu sprechen. Ich verweise auf die Bedeutung von Interesse und Kreativität, beides Eigenschaften, die notwendig sind, wenn man ein Radio weiter entwickeln will.

Nach dem Interview bearbeiten und schneiden wir die Aufnahmen gemeinsam am Computer. Die technische Qualität ist gut, die Leute verstehen das Aufnahmegerät mittlerweile und können selbständig damit umgehen.

Anastazia & Beenzu Meanwhile @the Engine Room Hand Over Marcus & Pethias

Wir strahlen die Interviews aus, der Schuldirektor ist sehr angetan und auch das Interview mit Godfrey stößt auf erstes Feedback. Der District Commisionier meldete sich zu Wort. Er ist der oberste Verwaltungsbeamte des Bezirks. Wir führen eine Diskussion über die Bedeutung von Freedom of Speech und Diversity of Opinion. Super! Wir werden uns in den nächsten Tagen noch mehrmals darüber unterhalten. Das Radio wir auf alle Fälle gehört und das ist eine feine Sache!

Dennoch ist es mit den Mitarbeiter_innen schwierig, geht es nach meinen Maßstäben, haben sie eine seltsame Einstellung zum Lernen, zur Entwicklung von persönlichen Fähigkeiten und der Arbeit mit dem Radio. Ich verstehe zwar, dass die Leute auch andere Verpflichtungen haben, dennoch findet sich die Gelegenheit etwas über Recherche, Interviewführung, Schnitt und Produktion heraus zu finden, nur während unseres zweiwöchigen Aufenthalts.

Dienstag, 30. Juli
Diskussion mit dem Station Manager, Kenneth. Dieser war nur einmal, zu Beginn der Workshops dabei und hat sich seither stets mit Ausreden über unser Angebot hinweg gesetzt. Ich erinnere ihn nachdrücklich und lautstark an seine Verantwortung. Als zentrale Ansprechperson möge er vor seinen Leuten da sein und auch der letzte, der nach hause geht. Ein Radio zu etablieren ist keine Frage von Lässigkeit, die Aufgabe verlangt Interesse nach allen Richtungen dieses vielfältigen Mediums. Ich will zwar nicht vergessen, dass die Ausgangsposition in Afrika eine andere ist als in Europa, aber die zentralen Aufgaben und Anforderungen bleiben dennoch die gleichen.

Installin new Locks Installation of a New Studio Mario, Beenzu, Marcus Works @ the New Studio

Wir produzieren erstmals einen Jingle im neuen Sendestudio, um die Hörer_innen auf der anderen Seite des Lake Kariba, in Zimbabwe, zu begrüßen. Die Einschulung in das neue Sendestudio wird eine große Herausforderung. Bis heute wurde aus einem improvisierten Studio im Nebenraum gesendet und wir konnten nur durch vorproduzierte Beiträge Informationen On Air schicken.

Auf einer improvisierten Pinwand, aus einer Decke der Fluglinie KLM, ein paar Stücken Styropor und einer Kartonschachtel montieren wird das neue Certificate of Registration, die Basic Principles of Community Radios und die Studio Rules. Mit der Registrierung des Trägervereins kann dieser nun auch ein Bankkonto eröffnen. Für die Verwaltung des Radios stellt dieser Schritt eine große Erleichterung dar.

Zurück zur Technik. Es wird nicht leicht, allen die neue Infrastruktur, die gut funktioniert und viele neue Möglichkeiten bietet, zu erklären. Marcus hat mithilfe einer Crossfading Unit die Möglichkeit eingerichtet von einem LIVE Studiobetrieb auf Automatisierung umzuschalten. Konkret sind das zwei verschiedene Rechner. Einer, der unmoderiertes Programm und Jingles abspielt (Nachtprogramm) und einer der mit dem Mischpult verbunden ist und während LIVE Sendungen verwendet werden kann.

Andy the Assistant of the Engineer New Studio Perspectives Cutting Interviews Studio Impressions

Durch einen einfachen Knopfdruck kann zwischen beiden Computern hin und her geschalten werden. Für einen geschmeidigen Übergang sorgt ein langsames Ein- und Ausblenden der Musik. Mit dieser Infrastruktur ist es aber auch möglich, während das Programm aus der Automatisierung kommt, im Studio Interviews aufzuzeichnen und noch vor der Ausstrahlung zu bearbeiten. Zudem entlasten sich die beiden Rechner gegenseitig und erhöhen damit tendenziell die Lebensdauer des jeweils anderen.

Auch heute führen wir wieder eine Diskussion über Meinungsfreiheit und Freedom of Speech. Unter anderen im Rahmen eines Board Meetings, an dem der Vereinsvorstand und die Radiocrew teilnehmen. Ich erfahre einiges über interne Kommunikationsstrukturen und die einzelnen Verantwortungsbereiche der Mitarbeiter_innen.

Auch in diesem Rahmen versuche ich die Bedeutung von Unabhängigkeit, Transparenz und Meinungsfreiheit zu betonen und mehrmals darauf hinzuweisen, dass die Mitarbeiter_innen für ihr Radio brennen müssen. Es brauche mehr Interesse und Kreativität, mit Interesse und Kreativität ließe sich immer ein Weg finden, überall in der Welt. Zudem sei es eine Grundvoraussetzung, to be right on time at the place. Mal sehen, die Mitarbeiter_innen wurden heute für die letzten drei Monate bezahlt. Vielleicht ändert sich damit auch ihre Motivation.

Der Grund für diese langen Auszahlungsintervalle ist übrigens ganz profan. BAZILWIZI, die NGO aus Zimbambwe zahlt monatlich 320 Dollar, jeweils 40 für die Mitarbeiter_innen und die restlichen 80 für Overheadkosten, wie Transport, Telefon und so weiter. Aufgrund der langen Anreise (es gibt über den See keine Fähren) können die Leute von BAZILWIZI nicht jeden Monat nach Sinazongwe kommen und nachdem der Trägerverein des Radios bisher nicht registriert war, verfügte der Verein über kein Bankkonto für eine geregelte Überweisung der Gelder. Daher die lange Zeit von drei Monaten.

Fresh Painted, Clean and Cool IT Center Studio Impressions New Transmitter

Mit der Registrierung und dem Bankkonto wird sich aber auch das ändern und die jungen Mitarbeiter_innen bekommen ihr Geld nun jeden Monat. Vielleicht wird sich sogar ihr Gehalt verbessern. Mit dem Certificate of  Registration und dem Bankkonto ist es dem Radio nun möglich mit dem Gesundheits- oder Unterrichtsministerium zusammen zu arbeiten und Informationssendungen über die Behandlung von Malaria, den Schutz vor HIV, etc… zu produzieren und diese auch gefördert zu bekommen.

Mittwoch, 31. Juli
Unser letzter Tag in Sinazongwe. Wir übergeben das Studio an die Mitarbeiter_innen und zeigen ihnen, wie die neue Infrastruktur funktioniert, welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben. Marcus Diess, der Großartiges geleistet hat, erklärt der Radiocrew das neue Mischpult und die Crossfading Unit, mithilfe derer es möglich ist, zwischen LIVE Programm und Automatisierung hin und her zu schalten.

Marcus hat in den letzten zwei Wochen die gesamte Sendeanlage ausgetauscht und damit die Leistung von 100 auf 400 Watt gesteigert. Dafür mussten wir denn 15 Meter Mast am Schulgebäude umlegen, um eine neue, bessere Antenne zu installieren. Zudem hat Marcus einen Schnittplatz mit Drucker eingerichtet und drei Computer aus dem ITC in der Schule wieder in Schwung gebracht. Der Mann ist erstaunlich und sein technisches Wissen umfassend. Im Rahmen einer Studioeinschulung versucht er dieses nun weiter zu geben.

Wir lassen alle Radiomitarbeiter_innen am Mischpult arbeiten und vom Automatisierungsbetrieb auf LIVE Programm umschalten. Praktische Übungen: Trial and Error, Do it Yourself, Go for it!

Editors Desk with Cutting Station Introducing the New Studio Beenz, Ken, Michelo, Andy, Anastazia & Linda (front) from left to right Ken @ the New Studio

Für diese Einstiege bereiten alle ein kleines Thema vor: mal ist es das Fußballergebnis zwischen Zambia und Botswana, mal ist es die Zusammenarbeit zwischen Schule und Radio, ein anderes Mal eine kurze Rückschau auf das Lwiindi Festvial in der Sprache der Tonga. Bis in den späten Nachmittag wird auf diesem Weg mit dem neuen Studio gearbeitet.

Andy und Godfrey scheinen schnell zu begreifen, Michelo wills ganz genau wissen und startet nach den Workshops gleich mit einer ersten Sendung. Beenzu, Anastazia und Linda haben sich alles notiert und werden in den nächsten Tagen beginnen selbständig Programm zu machen. Einzig Pethias fehlt. Irgendjemand fehlt immer…

Am Abend packen wir unsere Sachen zusammen und vereinbaren mit Godfrey einen Zeitpunkt für die Abfahrt nach Choma. Von dort wollen wir einen Bus nach Lusaka in die Hauptstadt nehmen. Zuvor gibt es aber noch Abendessen und eine langes Gespräch über den Koch und die Welt mit unserem Vermieter auf dessen Terrasse.

Ich schaue in den Himmel und sehe das Kreuz des Südens, dort drüber auf der anderen Seite des Sees liegt Zimbabwe. Dort ist Süden! Dort wird morgen einer neuer Präsident gewählt. Vermutlich wird der alte Präsident auch der Neue sein. Robert Mugabe ist sein Name.

Donnerstag, 1. August
Godfrey holt uns ab und bringt uns zur Schule. Anastazia macht bereits Programm. Andy ist auch schon da. Die Leute scheinen Gefallen an der neuen Studioinfrastruktur zu finden. Um die Übergabe der Lieferung abzuschließen haben wir Verträge aufgesetzt, die nun unterschrieben werden.

Der Direktor der Schule und der Chairman of the Radio Committee unterschreiben, dass sie alles voll funktionsfähig übernommen haben und die grundsätzlichen Prinzipien wie Meinungsfreiheit, Unabhängigkeit, Werbefreiheit, Ausbildung bewahren wollen. Nach der Unterzeichnung und einer herzlichen Verabschiedung steigen wir ins Auto und werden nach Choma gebracht.

Signing the Contracts Anastazia and Andy @ the New Studio Andy & Linda @ the New Studio Ana @ the New Studio

Der Bus nach Lusaka soll zirka drei Stunden brauchen. Nach sechs Stunden kommen wir in Lusaka an. Wir steigen in ein Taxi und fahren zum Old Lusaka Hotel, einem Hotel mit viel Charme und einem Hauch von Geschichte. Leider ist kein Zimmer frei. Nervious Siantombo von PANOS unterstützt uns auf der Suche nach einem Hotel. Schließlich beschließen wir wieder ins Belvedere am Stadtrand, in der Nähe des Hauptsitzes von Panos zu ziehen. Am nächsten Morgen sollen wir dort einen ersten Projektbericht abgeben.

Zimbabwe hat übrigens gewählt und Mugabe hat wieder gewonnen. Unser Taxifahrer meint, er verstehe die Leute in Zimbabwe nicht, wie kann es nur möglich sein, solche Politiker immer wieder zu wählen…. Nun, antworte ich, vielleicht sollten wir dafür die Italiener fragen…

Freitag, 2. August
Wir berichten bei PANOS von unserer Reise und zeigen eine Auswahl von Bildern, die unsere Arbeit gut dokumentieren. Nach der Präsentation verabschieden wir uns und fahren mit Peter Mubamba und Nervious zum Old Lusaka Hotel, wo wir heute übernachten werden. Das Hotel ist super, ich fühle mich sehr wohl und auch die Küche ist hervorragend. Am Abend sitzen wir noch ein Weilchen mit einer Frau aus Lesotho und einem Kenianer und unterhalten uns über van Hayek, Wittgenstein und anderen Kram.

John, der Kenianer ist Diplomat und umfassend gebildet. Seine Begleitung aus Lesotho schätzt sein Wissen, weiß aber auch, dass er seine Intelligenz gerne zur Schau stellt. Dann blinzelt mir die dicke Mama zu und raunt, „…antwortet nicht,  sonst wird er nie aufhören zu reden!“ Marcus hält sich nicht daran und wählt die Taktik den weit gereisten Kenianer mit Worten in Trance zu reden. Allein, es gelingt nicht, John weiß auf Alles eine Antwort und duelliert sich mit Marcus, während ich mit der dicken Mama aus Lesotho Freundschaft schließe.

Lusaka I Lusaka Markets Lusaka II Lusaka Markets

Samstag, 3. August
Gehen nach einem super Frühstück ein wenig Einkaufen. Sehen uns die Märkte Lusakas an und holen uns einen Eindruck von der Hauptstadt. Lusaka ist eine saubere und entspannte südafrikanische Stadt. Während meiner Streifzüge durch die Märkte habe ich kein einziges Mal das Gefühl, ich müsste mich hier als Weißer in Acht nehmen.

Wir kaufen Trikots der Fußballnationalmannschaft. Die Zambier sind ein Fußballverrücktes Volk, ich möchte wetten, jede Frau und jeder Mann hat zumindest ein Trikot der Chipolopolo, so heißt die Auswahl, zuhause. Chipolopolo bedeutet übrigens Kugel, eine Patrone, die ihr Ziel trifft, genauso wie der Ball das Tor treffen wird. Zambia gewinnt an diesem Nachmittag 2:0 gegen Botswana.

Zwei Wochen zuvor, als wir in Zambia ankamen, gewann die Chipolopolo den Südafrika Cup gegen Zimbabwe mit 2:1. „So kann es gerne weiter gehen,“ meint Peter Mubamba, unser Chauffeur, und bringt uns mit gewohnt ruhiger Hand und besonnenem Fahrstil zum Flughafen.

Sonntag. 4. August
Ankunft in München. Marcus Diess hat heute Geburtstag! Happy Birthday, my dear!

Kids @Workshop RoomPhotos & Travelogue: Maitau

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